Kryptowährungen: Ein lohnendes Investment oder bloss die nächste Blase?

Innerhalb von drei Wochen hat die Kryptowährung Bitcoin satte 40 Prozent ihres Wertes eingebüsst. Den Anlass dafür gab vor allem die Schliessung der grossen Bitcoin-Handelsbörse BTC in China sowie das dort vorübergehend verhängte Verbot des Initial Coin Offerings (ICO), einer Art digitalen Börsengangs von Kryptowährungen, bei dem Investoren Anteile (sozusagen digitale Aktien) an einer Kryptowährung erwerben. Der Chef der Grossbank JPMorgan Chase, Jamie Dimon, wittert hinter den Bitcoins sogar «Betrug» und «würde jeden JPMorgan-Banker innert einer Stunde feuern», würde dieser mit Bitcoins handeln. Behält Jamie Dimon recht? Oder sind Kryptowährungen das Geld der Zukunft?

Die Bitcoin-Community ist sich aller Bad News zum Trotz einig: Die Kryptowährungen sind lediglich der Anfang einer neuen Geld- und Transaktionszukunft. Auch kontert sie Jamie Dimons Aussagen, indem sie aufzeigt, dass auf der schwedischen Börse Nordnet unmittelbar nach dem Kurssturz ein grösserer Bitcoin-Kauf über JPMorgan erfolgte. Ob hinter den Transaktionen Kunden von JPMorgan stecken oder JPMorgan selbst, darüber streiten sich die User in den Kommentarspalten und bieten reichlich Raum für Spekulationen. Ungeachtet der grossen Kursschwankungen hat sich der Wert der Bitcoins seit Januar 2017 vervierfacht.

Ein Tummelfeld für Kriminelle und Terroristen?

Weil die Zahlungen bei den digitalen Währungen wie Bitcoin, Ether, Ripple oder Litecoin anonym erfolgen, tummeln sich häufig auch Kriminelle, Drogendealer oder Terroristen, um ihre Transaktionen und Machenschaften vor den staatlichen Kontrollorganen zu verbergen oder Lösegeldzahlungen mittels Bitcoins zu erpressen. Vermutlich haben die chinesischen Behörden gerade deswegen die Reissleine in Form eines vorübergehenden Verbots gezogen, zumal die Chinesen weltweit zu den Hauptnutzern des Bitcoin gehören.

Befürworter hingegen unterstützen die Kryptowährungen, weil sie die Menschen unabhängig von staatlicher Kontrolle, Notenbanken oder Geldinstituten machen – besonders in schlechten Zeiten wie der Finanzkrise 2008, als die Digitalwährung als Antwort auf die Krise hin entwickelt worden ist. Seither haben es mehrere Menschen zu Bitcoin-Millionären geschafft, weil sie früh in das neue Geld- und Transaktionssystem investiert haben – trotz der starken Kursschwankungen.

Was sind Kryptowährungen und wie funktionieren sie?

Ein möglicher Grund, weshalb JPMorgan-Chef Jamie Dimon gegen die Kryptowährungen (= digital erstellte Währungen) wettert, könnte sein, dass es künftig für das Transaktions-, Wertschriften- und Devisengeschäft keine Banken mehr brauchen wird, weil die Vermittlerfunktion durch die sogenannte «Blockchain-Technologie» entfällt und damit in direkter Konkurrenz zu seinem Arbeitgeber steht.

Die «Blockchain», zu Deutsch «Blockkette», ist gemäss n-tv.de «eine Art digitales/elektronisches Kassenbuch, in dem alle Transaktionen verzeichnet werden». Die Blockchain bildet dabei eine verschlüsselte Datenbank, die alle Transaktionen abspeichert und diese zwischen verschiedenen Nutzern ohne eine zentrale Abwicklungsstelle wie eine Bank gewährleistet, weil alle Transaktionen dezentral und weltweit auf Tausenden von Computern gleichzeitig hinterlegt werden. Damit kontrollieren sich die einzelnen Rechner gegenseitig – eine Transaktion kann (theoretisch*) nicht manipuliert oder rückgängig gemacht werden.

* Sofern Hacker das System nicht durch irgendwelche Lücken unterwandern können. Und wenn, würde dieser Zustand vermutlich nur kurz andauern, da es sich um eine Open-Source-Software handelt, die so viele Nutzer und Tech-Freaks bedienen und damit auch die Lücken schnell schliessen können. Eine 100%ige Garantie kann und wird es allerdings nie geben – wie bei anderen Systemen auch.

Durch die Dezentralisierung und das Entfallen von Personal sinken die Transaktionsgebühren, weil die Hauptarbeit die Open-Source-Software von Bitcoin übernimmt, die jedermann einsehen und überprüfen kann.

Vielversprechendes aus dem Cryptovalley in Zug

Ether, die zweitgrösste Kryptowährung der Welt, hat ihren Sitz in der Schweiz, genauer in Zug. Gegründet wurde die Stiftung Ethereum vom 23-jährigen Russen Vitalik Buterin, der laut dem Stern gerade daran sei, das «Finanzwesen heimlich zu revolutionieren». Doch Ethereum ist mehr als nur eine Währung: Es ist nicht nur eine Plattform für die Kryptowährung Ether, sondern auch für sogenannte Dapps (= Distributed Apps), die aus sogenannten Smart Contracts bestehen (= Computerprotokolle, die Verträge, Copyright-Lizenzen oder finanzielle Transaktionen abbilden, überprüfen und dank der Technik eine höhere Vertragssicherheit gewährleisten). Darüber hinaus sieht sich Ethereum als freie Plattform, bei der die Nutzer auch eigene Kryptowährungen erschaffen können.

Im Gegensatz zu Bitcoin ist Ethereum eine technologische und inhaltliche Weiterentwicklung, die durchaus das Potenzial hat, das Vertrags- und Finanzwesen zu revolutionieren. Das sehen auch Grössen wie die UBS oder das World Wide Web Consortium W3C, dem unter anderem Grossbanken, Google und Apple angehören. Die Banken sehen mittlerweile in der Blockchain-Technologie auch Chancen, weil sie ihre Kosten massiv senken können.

Doch im Zuger Cryptovalley schlummern noch zahlreiche andere Blockchain-Projekte, welche die Handelszeitung näher betrachtet hat. Eine Auswahl dazu finden Sie hier.

Es bleibt spannend

Inwiefern sich ein Investment in die eine oder andere Kryptowährung lohnt oder nicht, steht und fällt mit dem klassischen Nachfrage- und Angebotsverhältnis sowie der Prognose, die sich zum einen aus den künftigen technologischen Möglichkeiten sowie der gesellschaftlichen Akzeptanz (Sicherheit, Image) zusammensetzt, zum anderen aber auch aus der gesetzlichen Grundlage dazu: Sollten Staaten mit neuen Gesetzen solche Währungs- und Vertragssysteme verbieten, wäre dies das Aus der Kryptobranche. Eine weitere Gefahr lauert in Programmierfehlern, die sich bei Updates einschleichen und das System gefährden könnten.

Allerdings deutet die täglich steigende Nutzerzahl darauf hin, dass irgendwann die grosse Masse gegenüber den staatlichen Institutionen ein zu grosses Gewicht bekommen wird, weil die Blockchain-Technologie dann wie das Internet aus unserem Leben nicht mehr wegzudenken sein wird, zumal sie zahlreiche Vorteile wie Sicherheit, Kostensenkung und Geschwindigkeit bietet – und das für alle Bereiche, in denen wir es mit Handel, Verträgen, Versicherungen oder Transaktionen zu tun haben, z. B. auch im Bereich der staatlichen Organe – sei dies bei der Abrechnung von Sozialversicherungen oder bei elektronischen Wahlen und Abstimmungen.

Die Kryptobranche ist für den Dienstleistungssektor in etwa das, was die Automatisierung für den Produktionssektor war und ist: eine revolutionäre Beschleunigung und Optimierung. Nun geht die Digitalisierung einen Schritt weiter, indem sie die Administrationsbereiche vereinfacht, was – wenn wir ehrlich sind – mehr als nur nötig ist, da wir in diesen Bereichen viel Zeit und Geld verlieren. Das wird natürlich wiederum Jobs kosten, aber auch neue schaffen oder zumindest die Idee des bedingungslosen Grundeinkommens vorantreiben und weiterentwickeln.

Auf jeden Fall bleibt die Kryptobranche ein spannendes Feld, das es zu beobachten gilt. Und wie bei jedem Investment gilt auch hier: Diversifikation und Risiko nach individuellen Bedürfnissen und Möglichkeiten abschätzen und entsprechende Investitionen tätigen. Alles andere ist auch fernab von Kryptowährungen gefährlich.

Predrag Jurisic ist Publizist sowie Medien- und Werbeberater. Er betreibt eine eigene Beratungsfirma für KMU und NGO in der Ostschweiz. Vor seiner Tätigkeit im Bereich Marketing, Werbung, PR und Journalismus absolvierte er an den Kommunikationsfachschulen SAWI, HWZ und ZHAW verschiedene Studiengänge. Seither interessiert er sich für Zukunftsthemen wie Digitalisierung, künftiges Arbeiten oder das Lernen der Zukunft.