Wie viel ist mein KMU wert?

Die Bewertung kleinerer Unternehmen hat ihre Tücken. Gefragt sind individuelle Analysen, Erfahrung und Augenmass. von Jürg Tauss

Spätestens wenn es um die Nachfolgeregelung geht, fragt sich jeder Unternehmer: Wie viel Geld lässt sich wohl aus dem Verkauf meiner Firma herausholen? Je kleiner das Unternehmen, so könnte man meinen, desto einfacher die Ermittlung seines Werts. Doch diese weitverbreitete Ansicht kann in der Praxis zu falschen Schlüssen verleiten. Die Bewertung kleinerer Firmen hat ihre Tücken und deshalb sind dabei besondere Sorgfalt und fundierte Erfahrung gefragt.

Jedes KMU stellt bei der Bewertung einen Sonderfall dar, denn gemeinsam haben sie eigentlich nur eins: Einzelne Einflussfaktoren fallen im Vergleich mit grösseren Firmen überproportional ins Gewicht. Sie können die Aussagekraft von Kenngrössen wie Umsatz und Betriebsgewinn und somit auch des Bewertungsergebnisses empfindlich beeinflussen.

Wie soll zum Beispiel ein Verkaufspreis ermittelt werden, wenn das Grundstück und die Liegenschaften eines Produktionsbetriebs weit mehr wert sind als der Betrieb selbst? Oder wie lässt sich der Wert einer Drogerie an bester Lage im Stadtzentrum mit einem ähnlichen Geschäft in einer Vorortsgemeinde vergleichen? Eine Gegenüberstellung zweier Ladenketten mit je 100 Filialen ist da viel einfacher, denn für die Gesamtrechnung fällt der Standort eines einzelnen Geschäfts kaum ins Gewicht.

Vorsicht vor Vereinfachungen

Das heisst: Bei der Bewertung von KMU stossen die klassischen Methoden an ihre Grenzen. Speziell bei kleineren Firmen können Vereinfachungen zu Fehleinschätzungen führen – gross ist das Risiko, dass ein Wert ermittelt wird, der weitab eines erzielbaren Kaufpreises liegt. Gefragt sind deshalb individuelle Analysen, die dem Einfluss von spezifischen Einzelfaktoren Rechnung tragen. Dies gilt insbesondere bei einer Vermischung der privaten und beruflichen Sphären.

Als Grundlage sind die gängigen Bewertungsmethoden allerdings auch im KMU-Bereich durchaus von Bedeutung. Hier ein kurzer Überblick über die wichtigsten Analysewerkzeuge:

• Die Discounted-Cashflow-Methode geht vom künftigen Ertrag des  Unternehmens aus und stützt sich auf den sogenannten freien Cashflow.

• Die Multiples-Methode legt den Marktwert vergleichbarer – meist  börsenkotierter – Unternehmen zugrunde. Aus den Kennzahlen dieser  Firmen lassen sich Multiplikatoren errechnen, zum Beispiel das Verhältnis  zwischen Unternehmenswert und EBITDA.

• Kostenbasierte Methoden ermitteln den Wert einer Firma mit Blick auf die  historischen Kosten, die Wiederbeschaffungskosten und den  Liquidationswert.

Niemand ist unersetzlich

Die Basis jeder Unternehmensbewertung bildet die Beurteilung der bereinigten nachhaltigen betrieblichen Ertragskraft. Dazu müssen die individuellen Sonderfaktoren berücksichtigt werden. Dies können beispielsweise der Standort eines Unternehmens, sein Liegenschaftenbesitz, einzelne wichtige Kunden oder aber Schlüsselpersonen innerhalb der Firma sein.

Eine viel diskutierte Frage ist die Bedeutung des Unternehmers für den Wert einer Firma. Aus dessen Sicht hat der eigene Beitrag zum Unternehmenswert verständlicherweise eine grosse Relevanz. In der Realität jedoch zeigt sich: Niemand ist unersetzlich. Bei der Beurteilung des sogenannten Key Man sollte man sich deshalb ganz nüchtern fragen, was genau dessen Wert ausmacht. Das fachliche Wissen? Das handwerkliche Können? Die Beziehung zu Schlüsselkunden?

Schwierig ist die Bewertung von KMU nicht zuletzt, weil für viele Unternehmen nur ein beschränkter Markt besteht. Nicht ohne Grund werden die Verkäufe deshalb oft in bilateralen Verhandlungen und nicht in limitierten Auktionen abgewickelt. Gerade wenn es nur einen Kaufinteressenten gibt, bietet eine externe Bewertung eine wichtige Orientierungshilfe für den Verkäufer.

Risikoverteilung regeln

Vor dem Hintergrund einer konkreten Transaktion gilt es zudem, die spezifischen Gegebenheiten, die den Transaktionswert beeinflussen, bei der Bewertung zu berücksichtigen. Der Kaufpreis ist dadurch auch nur eine der Vertragskomponenten und wird in ein Paket von Abmachungen eingebunden, die ihrerseits den Wert mitbestimmen. Dazu zählen Earn-out-Lösungen, die weitere Mitwirkung des Eigentümers, Wiederbeteiligung und Käuferfinanzierung sowie Gewährleistungen und Garantien. Solche Regelungen teilen das Risiko zwischen Käufer und Verkäufer und sollen sicherstellen, dass der Übergang vom alten zum neuen Eigentümer reibungslos verläuft.

In solchen Konstellationen kann die Beratung durch UBS-Spezialisten auch für kleine Firmen sehr sinnvoll sein. Denn oft geht es bei einem Verkauf an interne Nachfolger neben der Ermittlung eines fairen Verkaufspreises auch um intelligente Transaktions- und Finanzierungslösungen.

Fachbegriffe Unternehmensbewertung

Earn-out
Anteil des Kaufpreises, der zu einem späteren Zeitpunkt erfolgsabhängig bezahlt wird.

EBIT
Earnings before Interest and Tax bezeichnet den Betriebsgewinn vor Zinsen und Steuern.

EBITDA
Earnings before Interest, Tax, Depreciation and Amortization bezeichnet  den Betriebsgewinn vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen.

Freier Cashflow
Betriebsgewinn nach Steuern, zuzüglich Abschreibungen, abzüglich Investitionen in das Anlage- und Umlaufvermögen.

Discounted Cashflow
Der Discounted Cashflow bezeichnet den Gegenwartswert der zukünftigen freien Cashflows.

Limitierte Auktion
Mehrere zuvor identifizierte Wunschkäufer werden parallel in den Verkaufsprozess einbezogen. Sie können gleichzeitig ein Gebot für das Unternehmen abgeben.

Bilaterale Verhandlung
Im Gegensatz zur Konkurrenzsituation bei einer Auktion werden bei einem Verkauf Gespräche mit nur einer einzelnen Partei geführt.

Wert
Der Wert eines Guts wird durch eine Schätzung ermittelt, beispielsweise durch Orientierung an Vergleichsobjekten, und bleibt abstrakt.

Preis
Der Preis ist objektiv beobachtbar und konkret. Er manifestiert sich allerdings erst beim tatsächlichen Verkauf.