Büro statt Bahnhof: Selecta will mehr als nur Automaten aufstellen Europas grösste Vending-Firma kämpft mit einer hohen Verschuldung und experimentiert mit neuen Geschäftsfeldern. Doch ausgerechnet beim grössten Kunden, den SBB, könnten sich nach Jahren erstmals wieder neue Konkurrenten ein Stück des Kuchens abschneiden.

Europas grösste Vending-Firma kämpft mit einer hohen Verschuldung und experimentiert mit neuen Geschäftsfeldern. Doch ausgerechnet beim grössten Kunden, den SBB, könnten sich nach Jahren erstmals wieder neue Konkurrenten ein Stück des Kuchens abschneiden.

Wird Selecta auch künftig die Automaten an den Schweizer Bahnhöfen füllen? Bild:Christoph Ruckstuhl

Als Christian Schmitz im Juni 2020 bei Selecta den Chefposten übernommen hat, war das Unternehmen in einer existenziellen Krise, wie der 42-Jährige sagt. «Wir hatten noch Cash für zwei bis vier Wochen.» Darum lautete die Devise zunächst «Blutung stoppen».

Will heissen: europaweiter Stellenabbau (von rund 10 000 auf etwa 6500 Personen), weniger Automaten (von 450 000 auf 340 000) und vor allem eine Restrukturierung der Schulden, unter anderem eine Verlängerung der Laufzeit der ausstehenden Anleihen bis 2026.

Die Aussichten für die Firma waren düster. Aufgrund von Corona brach plötzlich das Geschäft weg. Pendlerströme an den Bahnhöfen blieben aus, Verpflegung am Arbeitsplatz war wegen des weitverbreiteten Home-Office weniger gefragt.

KKR sagt Börsengang ab

Aber all das kam eigentlich nur noch obendrauf zu den bereits bestehenden Problemen der Firma. Zukäufe im Ausland, darunter die Kaffeerösterei Pelican Rouge in den Niederlanden, hatten die bereits hohe Verschuldung weiter nach oben getrieben.

Christian Schmitz, CEO von Selecta. Bild: PD

Den für Herbst 2019 angepeilten Börsengang hatte die Selecta-Besitzerin, der Private-Equity-Investor KKR, kurzfristig abgesagt. Eine «hübsche Braut», wie die NZZ das Unternehmen um die Jahrtausendwende einmal bezeichnete, war Selecta schon lange nicht mehr.

Unterdessen hat sich die Lage im operativen Geschäft erholt. Und Schmitz kann – da dürfte auch Zweckoptimismus mitspielen – der neuen Realität von mehr Home-Office auch etwas Positives abgewinnen. Lohnt es sich nicht mehr, eine Kantine zu betreiben, könne Selecta heute mit einem sogenannten Food-Market diese Lücke füllen.

Sparmöglichkeit für Arbeitgeber

Auf der Website wird das Konzept ohne Umschweife als Kostensenkungsmassnahme angepriesen. Doch Schmitz ist überzeugt: «Wir helfen mit, Arbeitskräfte zu halten – gerade an Standorten abseits der grossen Zentren, wo es keine Verpflegungsmöglichkeiten gibt.»

Die Verpflegungsecke besteht aus Snack-Regalen und Kühlschränken, die neben Getränken auch Fertigmahlzeiten enthalten, welche die Mitarbeiter mit Dampf erhitzen können.

In der Schweiz kooperiert Schmitz bei dem Konzept mit Coop. Von der Detailhändlerin stammen die Waren, mit denen Selecta das Mobiliar befüllt. Die Geräte bzw. die Ausrüstung kaufen oder leasen die Firmenkunden von Selecta und bezahlen ihr zusätzlich eine Servicegebühr.

 

Zwischen Automat und Kantine: Coop-to-go-Minimärkte. PD

Das ist ein Unterschied zum klassischen Automatengeschäft. Dort funktioniert es mehrheitlich so, dass Selecta den Automaten gratis hinstellt und dafür dem Grundeigentümer einen Prozentsatz der Umsätze als Miete abliefert. Dieser Anteil könne irgendwo zwischen 5 und 20 Prozent liegen, sagt Schmitz. Ein typischer Automat, wie er an einem Schweizer Bahnhof steht, verkaufe pro Jahr im Schnitt vielleicht Waren für rund 10 000 Franken.

Doch gerade beim Geschäft an den Bahnhöfen gibt es einen Unsicherheitsfaktor: Die SBB haben den Vertrag für die Aufstellung von gut 1000 Automaten ab 2024 neu ausgeschrieben. In diesen Tagen dürfte bekanntwerden, welches Unternehmen den Zuschlag für die nächsten sieben Jahre erhält.

Möglicherweise sind es auch mehrere Firmen, denn es gibt vier Lose: West-, Zentral- und Ostschweiz sowie eines eher mit Versuchscharakter für 50 bis 100 «Smart Fridges», also «schlaue Kühlschränke» für Sandwiches und dergleichen. Wie die SBB in der Ausschreibung festhalten, streben sie die Beauftragung von mindestens zwei Anbietern an.

Haben Coop, Valora oder andere Anbieter Chancen?

Der SBB-Auftrag hat auch Konkurrenz aus dem Ausland auf den Plan gerufen. So hat sich das Vending-Unternehmen IVS aus Italien beworben, das bereits im Tessin tätig ist und Selecta unlängst den Auftrag für die rund 1300 Automaten in der Pariser Metro weggeschnappt hat.

Coop will sich zu der Ausschreibung nicht äussern, weist aber darauf hin, dass man zurzeit gemeinsam mit den SBB eine Testphase mit Verkaufsautomaten an fünf Bahnhöfen und zwei Supermärkten durchführe. Und sibyllinisch: «Die Weiterführung und allfällige Ausweitung des Angebots evaluieren wir zu gegebener Zeit.»

Ebenfalls mitgeboten habe Valora, heisst es in der Branche. Diese ist mit den Kiosken und den Avec-Läden sowie Brezelkönig, Press & Books und weiteren Formaten heute schon stark an den Bahnhöfen präsent.

Träfe der Fall von mehreren Gewinnern ein, wäre es das erste Mal seit vielen Jahren, dass Selecta nicht mehr der alleinige Automatenbetreiber für die SBB wäre. Wie schmerzhaft wäre so ein Verlust oder Teilverlust für das Unternehmen? «Natürlich ist das der Auftrag für uns», sagt Schmitz, und ja, die SBB seien der grösste Kunde von Selecta.

Eine genaue Zahl nennt er nicht, doch der Umsatz mit den SBB-Automaten mache «einen sehr tiefen zweistelligen Prozentanteil am Schweizer Geschäft» aus. Hierzulande setzt Selecta rund 200 Millionen Franken um. Europaweit – das Unternehmen ist neben der Schweiz in weiteren 15 Ländern tätig – sind es rund 1,4 Milliarden Euro.

Schmitz will bei Selecta von der althergebrachten Mentalität wegkommen. Früher hiess es: «Wir stellen mal einen Automaten hin.» Der Kunde konnte noch «zwischen 20 und 40 Spiralen für Produkte» wählen – und das war’s dann.

Doch noch immer macht der klassische Vending-Bereich mit Snack- und Kaffeeautomaten etwa 80 Prozent des Umsatzes von Selecta aus. Die Modernisierung der Automaten mit neuer Technologie braucht ebenso Investitionen wie der Ausbau des erwähnten Market-Konzepts, das Selecta auch in anderen Ländern mit Detailhändlern betreibt.

Erdrückender Schuldenberg

Und obwohl die Kunden nach dem Einbruch während der Pandemie wieder Geld an den Automaten und Kaffeemaschinen ausgeben, sorgten die Finanzierungskosten auch im ersten Quartal 2023 noch für einen Verlust. Es stellt sich die Frage, wie Selecta mittelfristig seine beachtlichen Schulden von rund 1,1 Milliarden Euro abbaut.

Kommt dazu: Die Verlängerung der Bond-Laufzeit bis ins Jahr 2026 verschafft der Firma weniger Luft, als es auf den ersten Blick scheinen mag. Denn bei Hochrisiko-Anleihen ist es in der Praxis oft so, dass sie ein bis eineinhalb Jahre vor dem offiziellen Ende der Laufzeit zurückbezahlt werden.

Nicht umsonst bezeichnet Schmitz das Jahr 2024 als «echtes Entscheidungsjahr», oder wie er sagt: «Jetzt ist ‹game time›!»

Dieter Bachmann, «Neue Zürcher Zeitung»

Das könnte Sie auch interessieren: