Corona und die Schweiz: Kein Grund zur Panik

Das Virus ist nicht aufzuhalten, und so ertönt auch in der Schweiz der Ruf nach Abwehrmassnahmen wie Grenzkontrollen. Doch der Schaden von solchem Aktionismus wäre grösser als der Nutzen – zumal weiterhin unklar ist, wie bedrohlich der Corona-Erreger wirklich ist.

 

Auch die Schweizer decken sich mit Atemschutzmasken ein, doch noch gibt es hier keinen Corona-Fall. – Lennart Preiss / Getty

In der Bevölkerung geht die Angst um, auch in der Schweiz: Viele Leute sind besorgt wegen des Coronavirus, das nach dem Beginn der Epidemie in China weltweit schon Tausende Opfer gefordert hat – und nun immer näher kommt. In Italien gab es mehrere Todesfälle, das Tessin bereitet sich intensiv darauf vor, dass die ersten Infizierten auftauchen. Dass der höchste Verantwortliche für das Gesundheitswesen sein Schweigen bricht, kommt deshalb keinen Moment zu früh. Die Botschaft von Bundesrat Alain Berset vom Montag war aber, dass es derzeit keinen Grund zur Panik gibt. Und damit hat er recht.

Es liegt in der Natur von Infektionskrankheiten, dass sich ihr Verlauf nicht vorhersagen lässt und man erst im Nachhinein beurteilen kann, welche Massnahmen in welcher Intensität angemessen gewesen wären. Die politisch Verantwortlichen wollen sich dann nicht dem Vorwurf ausgesetzt sehen, dass sie nicht alles unternommen hätten, um Leben zu retten. Lieber Vorsicht als Nachsicht, lieber zu viel als zu wenig: Das klingt vernünftig, gerade angesichts eines unheimlichen Virus, das laut Sachverständigen im schlimmsten Fall auch hierzulande mehr als zehntausend Menschen dahinraffen könnte. Doch so simpel ist es nicht. Denn es lauern Zielkonflikte.

Massnahmen mit zu vielen Nebenwirkungen

Die Präventionsschraube lässt sich immer weiter anziehen, nur hat das seinen Preis. Um zu verhindern, dass das Coronavirus irgendwann in die Schweiz kommt – wenn es nicht schon da ist –, müsste man die Grenzen komplett dichtmachen. Das wäre allerdings ein allzu gravierender Eingriff in die Freiheit der Bürgerinnen und Bürger. Und er hätte auch für die Wirtschaft verheerende Folgen.

Eine mildere Massnahme wären systematische Kontrollen an den Grenzübergängen, wie sie nun manche Politiker fordern. Es bestünde zwar eine gewisse Chance, dass man Infizierte abfangen und damit das Überspringen der Krankheit auf die Schweiz verhindern könnte. Doch es ist unmöglich, jeden einzelnen Träger des Virus aus der Masse der Reisenden herauszufischen, gerade wenn die Symptome noch nicht sichtbar sind. Die Nebenwirkungen der Massnahme – etwa lange Wartezeiten an der Grenze – stünden in keinem Verhältnis zum erhofften Nutzen.

Die anderen Patienten nicht vergessen

Hysterie ist auch dann nicht angebracht, wenn es zu den ersten Corona-Diagnosen in der Schweiz kommen sollte. Deswegen den Autosalon in Genf abzusagen oder ganze Ortschaften abzuriegeln, wird hoffentlich nicht nötig sein. Zumal es Zweifel gibt, ob das Coronavirus viel gefährlicher ist als eine normale Grippe, an der hierzulande pro Jahr auch mehrere hundert Personen sterben, man vergisst es gerne. Natürlich ist es dennoch richtig, wenn der Bund die Informationskampagnen für Einreisende und Ansässige – in den Ellbogen niesen! – hochfährt, wenn Ärzte die Tests bei Personen mit grippeähnlichen Symptomen intensivieren und wenn sich die Spitäler seriös auf allfällige Corona-Erkrankungen vorbereiten. Allerdings gilt es auch aufzupassen, dass man nicht zu viele Ressourcen abzieht, die dann bei der Behandlung anderer Patienten fehlen, die es genauso nötig hätten.

Hysterisch sollten nun auch die Politiker nicht werden. Grotesk mutet es an, wenn SVP-Vertreter versuchen, das Coronavirus zu missbrauchen als Argument für die Begrenzungsinitiative, die auf eine Kündigung der Personenfreizügigkeit abzielt. Auch ohne italienische Grenzgänger oder deutsche Fachkräfte können gefährliche Viren ihren Weg hierherfinden – allein schon deswegen, weil die Schweizerinnen und Schweizer so oft in der Welt herumjetten wie kaum ein anderes Volk.

Dieser Artikel ist am 24. Februar 2020 auf https://www.nzz.ch/meinung/corona-und-die-schweiz-kein-grund-zur-panik-ld.1542434 erschienen.

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